Kann ein Hämophilie-Patient längere Reisen unternehmen?

Reisen ist für jeden Menschen eine Möglichkeit, Abstand vom Alltag zu gewinnen und neue Eindrücke zu erhalten. Die Tatsache an Hämophilie erkrankt zu sein bedeutet heutzutage nicht mehr, dass auf Reisen verzichtet werden muss. Die neuen Faktorkonzentrate und die erhöhte Anzahl an Hämophilie-Behandlungszentren weltweit, ermöglichen heute Hämophilie-Patienten auch längere Reisen ins Ausland. Im Vergleich zu den alltäglichen Reisevorbereitungen sollten jedoch Hämophilie-Patienten spezielle Reisevorbereitungen treffen.

 

Welche speziellen Reisevorbereitungen sollte ein Hämophilie-Patient treffen?

Bei der Auswahl des Reiseziels sollten Hämophilie-Patienten sich erkundigen, in welchen Ländern es Hämophilie-Behandlungszentren gibt, die eine Substitutionsbehandlung anbieten, die in etwa dem Standard im Heimatland entspricht.

Eine Liste im Internet stellt die WFH (World Federation of Hemophilia) unter dem folgenden Link: www.wfh.org zur Verfügung. Bitte folgen Sie dort der Navigation "Home / Resources / Treatment Centre Directory (Passport) / Tips for Travellers (unten auf der Seite)“.

Es sollte darauf geachtet werden, dass das Behandlungszentrum problemlos vom Urlaubsort erreicht werden kann. Auch wenn genügend Faktorkonzentrat für den Urlaub eingeplant wurde, können doch durch unerwartete Ereignisse (Gepäckverlust, Blutungen etc.) zusätzliche Mengen erforderlich werden. In diesen Fällen kann dann das Hämophilie-Behandlungszentrum weiterhelfen.

In manchen Ländern (Länder in Osteuropa, Drittwelt-Länder) ist nicht garantiert, dass Faktorkonzentrate sicher virusinaktiviert sind. Es besteht deshalb die Möglichkeit, sich mit Erregern wie HIV oder Hepatitis B und C zu infizieren. In diesen Ländern ist es deshalb empfehlenswert, immer ausreichend Faktorkonzentrate mitzunehmen. Die im Urlaub geplanten Sport- und Freizeitaktivitäten sollten vorher mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Einige Aktivitäten sind möglicherweise für Hämophilie-Patienten nicht geeignet.

 

Was gehört bei einem Hämophilie-Patienten in die Reiseapotheke?

Als wichtigstes Medikament gehört in die Reiseapotheke eines Hämophilie-Patienten eine ausreichende Menge an Faktorkonzentrat.

Die benötigte Menge ist abhängig von Reiseziel und Dauer der Reise und sollte zusammen mit dem behandelnden Arzt berechnet werden. Als Anhaltspunkt gilt für Erwachsene:

  • Bedarfsbehandlung: mind. erforderliche Menge zur Behandlung einer schweren
  • Blutung (nach Rücksprache mit behandelndem Arzt)
  • Prophylaxe: immer 30% mehr an Einheiten als für die Urlaubsdauer berechnet

Die Faktorkonzentrate sollten am besten in einer Kühlbox aufbewahrt werden, da die Wirkung der Präparate bei großer Hitze reduziert werden kann. In Hotels sollten die Faktorkonzentrate am besten im Kühlschrank der Hotelküche aufbewahrt werden.

Bei Flugreisen sollte ein Teil des Faktorkonzentrates im Handgepäck verstaut werden, damit auch bei Gepäckverlust auf Konzentrat zurückgegriffen werden kann.

In die Reiseapotheke eines jeden Reisenden gehören:

  • Elastische Binden
  • Fieberthermometer
  • Sterile Einmalspritzen und Kanülen
  • Medikamente zur Behandlung von:
    • Durchfall
    • Schmerzen und Fieber (keine acetylsalicylsäurehaltigen Präparate!)
    • Übelkeit und Reisekrankheit
    • Husten
    • Schnupfen
    • Halsschmerzen
    • grippalen Infekten
    • kleine Wunden
    • Insektenstichen und Insektenabwehr
  • Sonnenschutzmittel, Mittel bei Sonnenbrand

Zudem sollte ein Vorrat an regelmäßig eingenommenen Medikamenten mitgenommen werden.

 

Was gehört bei einem Hämophilie-Patienten in den Notfallkoffer?

In Notfallkoffer gehören:

  • Wundschnellverband
  • Wundpflaster
  • Mullbinden
  • Kompressen
  • Desinfektionsmittel
  • Alkoholtupfer
  • Einmalspritzen, Ersatz-Butterflies und normale Kanülen
  • Staubinde
  • Antihistaminikum und Kortisonpräparat gegen allergische Reaktionen

 

Welche Reisedokumente und Bescheinigungen sind notwendig?

Allgemein sollte jeder Reisende die folgenden Dokumente mit sich führen:

  • Personalausweis oder Reisepass (bei Überseereisen Ablaufdatum kontrollieren!)
  • Krankenversicherungskarte für Reisen innerhalb von Österreich
  • Europäische Krankenversicherungskarte (Die e-card trägt auf ihrer Rückseite die Europäische Krankenversicherungskarte  EKVK, wenn auf Grund der Versicherung ein Anspruch auf Versicherungsleistungen in einem EU-Mitgliedstaat, EWR-Staat oder der Schweiz besteht. Die EKVK ersetzt für Reisen innerhalb der Europäischen Union (einschließlich Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island) den bisherigen "Auslandskrankenschein", z. B. Formular E 111. Mehr Informationen – auch zu Reisen außerhalb der EU- finden Sie hier.)
  • bei bestimmten Ländern mit Visumpflicht, Visum (Information über die Botschaft/das Konsulat)
  • Impfausweis

Hämophilie-Patienten sollten zusätzlich folgende Dokumente mit sich führen:

  • Hämophilieausweis (internationaler Notfallausweis mit Adresse des Behandlungszentrums, Angaben zur Erkrankung und Behandlung, Schweregrad)
  • Ggf. Schwerbehindertenausweis
  • Ärztliche Bestätigung, dass Faktorkonzentrat mitgeführt werden muss
  • Zollbestätigung die erklärt, warum größere Mengen an Faktorkonzentrat und Spritzbesteck mitgeführt wird.

 

Welche Versicherungen sollten abgeschlossen werden?

Aufgrund der besonderen Situation im Urlaub und auf Reisen können bestimmte Situationen eintreten, gegen die man sich im Voraus versichern kann. Hämophilie-Patienten stehen beim Abschluss von Versicherungen häufig vor dem Problem, dass chronische Erkrankungen als haftungsbegrenzendes Risiko angesehen werden, und somit Gefahr laufen, den Versicherungsschutz zu verlieren. Dieser Punkt sollte deshalb genau mit der Versicherung abgeklärt und am besten schriftlich zugesichert werden.

Die folgenden Versicherungen könnten für reisende Hämophilie-Patienten interessant sein. Es sollte jedoch jeder Reisende selbst entscheiden, inwieweit er sich absichern möchte.

  • Auslands-Reisekrankenversicherung
    Eine zusätzliche Reisekrankenversicherung ist notwendig:
    • für Länder mit denen kein Sozialversicherungsabkommen besteht
    • bei Wunsch nach zusätzlichen Leistungen (z.B. Rücktransport)

Sie ist im Allgemeinen für gesetzlich Versicherte zu empfehlen. Es ist Günstiger, Jahrespolicen abzuschließen. Es sollte im vorab abgeklärt werden, wie die Versicherung einen medizinisch notwendigen Rücktransport definiert, denn sonst könnte ein Rücktransport in Ländern mit ausreichender medizinischer Versorgung nicht erstattet werden. Personen ab dem 65. Lebensjahr werden jedoch häufig abgelehnt.

  • Reiserücktrittsversicherung
    Die Reiserücktrittsversicherung erstattet die Kosten, falls der Reisende den Urlaub nicht antreten kann oder frühzeitig abbrechen muss erstattet werden die mit dem Reiseveranstalter vertraglich vereinbarten Stornogebühren oder die Kosten, die durch eine frühere Beendigung des Urlaubs entstehen (z.B. Kosten für eine vorzeitige Rückreise).

    Die meisten Versicherungen erstatten bei Vorliegen der folgenden Gründe:

    • Tod, Unfall, unerwartete schwere Erkrankung, Schwangerschaft
    • Impfungsunverträglichkeit gegen eine für die Einreise erforderliche Impfung
    • Schaden am Eigentum durch Überschwemmung, Feuer, Diebstahl, Raub, Einbruch
    • Verlust des Arbeitsplatzes durch unerwartete Kündigung

    Ob sich die Versicherung lohnt, muss im Einzelfall entschieden werden. Im Allgemeinen empfiehlt sich der Abschluss für:

    • Familien mit Kleinkindern
    • Pflegebedürftige
    • teuere Fernreisen
  • Reisegepäckversicherung
    Die Reisegepäckversicherung erstattet eine Entschädigung bis zur Höhe des vereinbarten Versicherungsbetrages im Falle von
    • Verlust oder Beschädigung des Reisegepäckes

Die Entschädigung wird berechnet auf der Grundlage des Zeitwertes. Geld, Wertpapiere, Fahrkarten und andere Dokumente sind nicht versichert. Die Reisegepäckversicherung wird im Allgemeinen nicht empfohlen, da sie vergleichsweise teuer ist und nur unter strengen Auflagen Leistungen erstattet.

  • Reiseunfallversicherung
    Diese Versicherung gilt weltweit und deckt die Risiken eines Unfalls ab, der eine dauerhafte Invalidität oder Tod zur Folge hat. Es werden häufig gefährliche Freizeitbeschäftigungen ausgeschlossen. Als Unfall wird dabei bezeichnet:
    • ein von außen auf den menschlichen Körper einwirkendes unfreiwilliges, plötzliches Ereignis, das zu einer Verletzung führt
  • Soforthilfeversicherung
    Diese Versicherung bietet dem Versicherten schnelle und unbürokratische Hilfe am Reiseort, so dass er gegebenenfalls schnellstmöglich die Rückreise antreten kann. Für einen Hämophilie-Patienten interessant ist, dass dazu z.B. die Beschaffung von Faktorkonzentrat aus dem Heimatland gehört. Da jedoch ein großer Teil der Leistungen häufig bereits von anderen Versicherungen eingeschlossen ist, sollte ein Abschluss sorgfältig geprüft werden.

 

Welche Impfungen sind notwendig?

Der Impfstatus sollte vor jeder Reise kontrolliert werden. Für Reisen im Inland oder im europäischen Ausland sollte ein ausreichender Schutz gegenüber den folgenden Infektionserkrankungen vorliegen:

  • Diphtherie
  • Tetanus (Wundstarrkrampf)
  • Hepatitis A und B
  • Poliomyelitis (Kinderlähmung)

Bei Reisen in tropische Länder werden zudem abhängig vom Urlaubsland weitere Schutzimpfungen empfohlen. Man kann sich hier persönlich beraten lassen. Informationen erhält man z.B. im Hämophilie-Behandlungszentrum oder bei der

Es sollte darauf geachtet werden, dass die Impfungen rechtzeitig vor Antritt der Reise begonnen werden, denn viele Impfungen müssen bis Eintritt der Schutzwirkung mehrmals durchgeführt werden. Falls der behandelnde Arzt wenig Erfahrung mit Hämophilie hat, sollte diesem mitgeteilt werden, dass die Impfungen nicht in den Muskel, sondern unter die Haut gespritzt werden müssen.

 

Wie kann der Körper auf die Reise vorbereitet werden?

Der Körper muss sich bei Reisen in Ländern an die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen anpassen. Dies ist für den Körper anstrengend und man fühlt dies, indem man in den ersten Tagen weniger belastbar ist. Dieser Anpassungsprozess an einen Klimawechsel wird besser verkraftet, wenn der Körper ein gewisses Maß an körperlicher Fitness aufweist. Auch vermindert eine gute körperliche Kondition die Wahrscheinlichkeit von Fehlbelastungen und Verstauchungen der Gelenke, sowie von Einblutungen in das Gewebe. Man sollte deshalb versuchen, sofern man nicht schon regelmäßig ein Trainingsprogramm durchführt, mit den folgenden kleinen Maßnahmen seine körperliche Fitness zu steigern:

  • Verzicht auf Autofahrten (kleinere Strecken können gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt werden)
  • Verzicht auf Rolltreppen und Fahrstühle
  • regelmäßiges Spazierengehen oder Fahrradfahren

 

Was muss bei Flugreisen beachtet werden?

Bei Flugreisen sollten hinsichtlich der Mitnahme von Faktorkonzentraten die folgenden Punkte beachtet werden:

  • Faktorenkonzentrate sollten im Handgepäck verstaut werden
    Die Konzentrate sollten in einer Kühlbox mit an Bord genommen und nicht mit dem restlichen Gepäck aufgegeben werden.
  • Mitnahme der ärztlichen Bescheinigung und des Rezepts
    Um die Faktorkonzentrate mit an Bord nehmen zu dürfen, benötigt die Fluggesellschaft die ärztliche Bescheinigung und das Rezept.

 

Was muss bei Autoreisen beachtet werden?

Bei Reisen mit dem Auto sollte hinsichtlich der Mitnahme von Faktorkonzentraten der folgende Punkt beachtet werden:

  • Faktorkonzentrate sollten in einer Kühlbox im Innenraum aufbewahrt werden Die Konzentrate sollten vor Überhitzung geschützt werden.
    Dies ist am besten möglich, indem man diese in einer Kühlbox in der Fahrgastzelle aufbewahrt.

 

Was muss bei internationalen Reisen beachtet werden?

Bei Reisen ins Ausland sollten folgende Punkte geklärt werden:

  • Absprache der Reise mit dem Hämophilie-Behandlungszentrum
    Das Hämophilie-Behandlungszentrum kann mit dem Zentrum im Ausland bereits Kontakt aufnehmen und wichtige Dinge abklären.
  • Mitnahme der ärztlichen Bescheinigung in der Landessprache des Reiselandes
    Lassen Sie Ihre ärztliche Bescheinigung in die jeweilige Landessprache des Reiselandes übersetzen. Ihr Hämophilie-Behandlungszentrum hat möglicherweise die Formulare bereits in verschiedenen Sprachen vorliegen.
  • Mitnahme von zusätzlichen Faktorkonzentraten und Applikationsmaterialien
    In manchen Ländern ist es schwierig, an Faktorkonzentrate und Applikationsmaterialien zu kommen. Deshalb ist es besser, zusätzlich zum tatsächlich errechneten Bedarf Faktorkonzentrate, Kanülen und Butterflies einzupacken.